Die ICANN85 Konferenz in Mumbai stand klar im Zeichen der neuen Bewerbungsrunde für generische Top-Level-Domains, die 2026 starten soll. Nach 14 Jahren – seit ICANN43 in San José 2012 – war dies das erste ICANN-Meeting, an dem wir nicht live vor Ort teilgenommen habe. Diesmal galt bei uns „remote only“, da die Vorbereitungen zur neuen gTLD-Runde 2026 das Berliner Team voll beanspruchen. Trotzdem konnten wir dank des hervorragenden Hybrid-Formats an zahlreichen Sessions teilnehmen. Dazu gehörten die zahlreichen Sessions zur Bewerbungsrunde für neue TLDs und Sitzungen der Registry Stakeholder Group und geoTLD Group.
gTLD Bewerbung 2026
In zahlreichen Sessions wurde deutlich, wie ICANN versucht, den Bewerbungsprozess im Vergleich zur 2012er-Runde besser strukturieren und Bewerber zu unterstützen. Im Fokus standen dabei vor allem das neu eingeführte Registry Service Provider (RSP) Evaluation Program, die überarbeiteten Bewerbungsdetails für Internationalized Domain Names (IDNs) und Varianten sowie die Übersicht über den gesamten Antrags- und Prüfprozess. Anhand von Demos des neuen TLD Application Management Systems (TAMs) konnten künftige Bewerber:innen sehen, wie sie ihre Anträge einreichen, verwalten und den Fortschritt des Bewerbungsverfahrens nachverfolgen können. Wichtig war zudem die Frage, wie geografische Namen und reservierte Begriffe künftig behandelt werden. Dieses Thema hatte in der Bewerbungsrunde 2012 für viel Diskussionen gesorgt. Die abschließende Wrap-up-Session zur 2026-Runde konnte viele offene Fragen klären und zeigte: ICANN hat noch einige offene Aufgaben bis zum Start des Bewerbungsfensters, es läuft aber alles nach Plan. Wer eine gTLD Bewerbung 2026 plant, hat jetzt deutlich mehr Orientierung als noch vor einigen Monaten.
DNS Abuse Mitigation
Ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt von ICANN85 war das Thema DNS Abuse Mitigation. In einer ganzen Reihe von Sitzungen der neu gegründeten Arbeitsgruppe wurde intensiv daran gearbeitet, wie Missbrauchsfälle, also Phishing, Malware, Botnet-Infrastruktur oder bestimmte Formen von Spam, künftig noch systematischer erkannt und eingedämmt werden können. Die Diskussion drehte sich nicht nur um Definitionen von DNS-Abuse. Betrachtet wurde vor allem um die Frage, welche Mindestanforderungen Registries und Registrare im Umgang mit Abuse erfüllen sollten. Von klaren Abuse-Kontakten über verbindliche Reaktionsfristen bis hin zu abgestuften Maßnahmen bei wiederholten Verstößen. Gleichzeitig wurde immer wieder betont, dass Eingriffe verhältnismäßig sein müssen und die Rechte legitimer Registranten gewahrt bleiben sollen. Die Arbeitsgruppe arbeitet in den kommenden Monaten an konkreten Policy-Empfehlungen zu DNS Abuse Mitigation, die mittelfristig in vertragliche Verpflichtungen für Registries und Registrare einfließen könnten. Ein wichtiger Schritt, um Vertrauen in das Domain-Name-System weiter zu stärken, ohne dabei die Offenheit des Netzes zu untergraben.
ICANN & das Multi-Stakeholder-Modell
Über diese fachlichen Schwerpunkte hinaus hat ICANN85 erneut gezeigt, warum die Community-Foren ein zentraler Anker des Multi-Stakeholder-Modell sind. In Mumbai kamen Vertreter:innen von Regierungen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und technischer Community zusammen, um über ein offenes, sicheres, inklusives und widerstandsfähiges Internet zu beraten. Mehr als 200 Sessions, organisiert in Arbeitsgruppen, Fachgremien und Plenarsitzungen, spannten den Bogen von der Weiterentwicklung des Domain-Name-System über Cybersicherheit bis hin zur Bewerbungsrunde für neue gTLDs. ICANN85 war nicht nur ein Ort für formale Policy-Prozesse, sondern auch für Kooperation der Community-Mitglieder. Viele Initiativen entstehen im Gespräch auf dem Flur, in Meetings oder beim Networking. ICANN selbst hob hervor, dass ICANN85 in Mumbai ein weiterer Baustein war, um die globale Interoperabilität des DNS zu sichern. Zugleich werden durch ICANN-Meetings Regionen wie Indien stärker in die Internet-Governance-Debatte eingebunden. Für alle, die an der Zukunft des Domain-Ökosystems arbeiten, war Mumbai damit ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur nächsten gTLD-Runde und zu einem robusteren, vertrauenswürdigen DNS.
Das nächste ICANN-Meeting, ICANN86, findet im Juni 2026 im spanischen Sevilla statt.
